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BOLIVIEN V // Bericht fuer die Schuelerzeitung.

Bin hier in Bolivia seit mehr oder weniger 4 Monaten. Kann es kaum fassen, dass dementsprechend nurnoch  7 Monate bleiben. Seit zwei Wochen/Anfang November ist die Schule vorbei, faengt erst in 11 Wochen, im Februar  wieder an. Deshalb kann ich mir jetzt die Zeit nehmen eine Mail an die sz zu schreiben.
Bolivien ist eins der aermsten Laender Suedamerikas. Es ist ungefaehr drei Mal so gross wie Deutschland und hat ein Zehntel der Einwohner, von denen etliche in totaler Armut leben.  Es ueberflutet den Reisenden mit Eindruecken, die er in Deutschland nie machen wuerde und die er vielleicht garnicht erleben will.
An und fuer sich ist das Land wunderschoen und sehr abwechslungsreich. Auf 4000 Metern Hoehe liegt La Paz. Die Stadt ist inoffiziell Hauptstadt, seitdem der Kokabauer Evo Morales gegen die alte Regierung aufbegehrt hat und sich, nach Protesten gegen ein Vebot des Kokaanbaus, der die Lebensgrundlage fuer etliche Menschen bildet von der Volksmehrheit zum Praesidenten waehlen liess und den Regierungssitz dorthin verlegte. Evo Morales wuchs in schwerster Armut auf und hat  die Schule bis zur 6 Klasse besucht. Trotz des scheinbar unfruchtbaren Umlandes blueht die Metropole. Zwei Millionen Menschen (etwas mehr als in Hamburg) leben dort. Wenn man durch die Stadt laeuft gehoeren zu den praegendsten Bildern die etlichen „Cholitas“, die indigenen Frauen, die in merkwuerdigen Roecken und mit schiefen Bowlerhueten alles verkaufen. „Komm, wir fahren auf den Schwarzmarkt. Klopapier kaufen.“ Dort ist es wohl am billigsten. Man kann sich auf der Strasse Markenklamotten, Unterwaesche, Kaugummi, Mittagessen, Schmuck, Fruechte, Shampoo und auch Autos besorgen. An jeder Strassenecke stehen maskierte Gestalten, die sich ein wenig Geld durch Schuheputzen verdienen wollen. Durch ihre schwarzen Wollmasken schuetzen sie sich vor Diskriminierug. Andere, aeltere Menschen kauern auf den engen Buergersteigen und heben kraftlos ihre Hand, wenn jemand an ihnen vorbeigeht. Wirft einer der Gluecklicheren, Reicheren ihnen eine Muenze, einen Boliviano, der ungefaehr 10 Cent entspricht zu, koenne sie sich schon fast ihr Mittagessen leisten, das ungefaehr 30 Cent kostet, wenn man es an einem Strassenstand kauft. Allerdings geht man dann das Risiko ein, Hundefleisch serviert zu bekommen. Auf den gefuellten Strassen dirigieren Jugendliche, die sich ein paar Bolivianos verdienen wollen in Zebrakostuemen den Verkehr. Zu jedem Haus gehoert auch ein kleiner Laden, der etwas verkauft. Das Touristische Zentrum bilden die Strassen um die Kathedrale San Francisco, die den Hexenmarkt beinhalten, auf dem es neben etlichen Amuletten auch die fuer den Hausbau noetigen getrockneten Lamaembrios zu kaufen gibt. Man sagt, die Baufirmen arbeiten nicht, wenn nicht unter den Ecken des Hauses Suessigkeiten und eben diese Lamaembrios vergraben werden. Das ist das Umfeld der reicheren Menschen. Nachts wenn man all die Lichter der Stadt sieht, wirkt sie beinahe europaeisch. Das wahre La Paz, das mehr als die Haelfte der Einwohner der Stadt beinhaltet, ist schon fast eine andere Metropole, traegt den Namen „el Alto“. Der Temperaturunterschied zwischen el Alto und La Paz schoenerer Seite betraegt bis zu zehn Grad Celsius. Denn der Hoehenunterschied zwischen dem niedrigsten, reichsten Haus und der hoechsten, aermsten Baracke auf 4100 metern betraegt gut 1000 Meter. So wohnt der reichere Teil der Bevoelkerung in der Waerme der nierdrigeren Zone. „Wir halten jetzt nicht mehr an bis wir el Alto verlassen haben. Schliesst die Tueren ab!“ erklaerte der Taxifahrer, als er abends die Gruppe aus dem Flughafen in el Alto vorbei an indigenen Frauen, die zusammen mit den Strassenhunden im Muell nach Essen suchten in die tiefere Zone fuhr.
Zwei Stunden Busfahrt fuehren zum gigantischen Lago Titicaca, dem hoechsten beschiffbaren See der Welt, in dessen kalten Wasser die Isla del Sol und die Isla de la Luna mit den alten, halb verrotteten Heiligtuemern der Inka oder einer Vorkultur liegen. Auf den Inseln scheint es keine Zeit und keinen Fortschritt zu geben. Die einzigen Gerausche in der kargen Landschaft stammen von weidenden Lamas oder dem eisigen Wind. Von der Insel kann man an den Ufern des Sees sowohl die Berge Boliviens als auch die Perus sehen.
Von La Paz aus flacht das Land nach Suedosten hin ab, verlaeuft sich in den Teil, den ich kaum kenne, den ich nur kurz bereist habe. Dort liegen Tarija, Sucre, das offiziell Hauptstadt ist, Potosi, die ehemals reichste Stadt der Welt, in der in den von den Europaern ausgebeuteten Minen noch heute Kinder arbeiten um ihre Familien zu ernaehren, Cochabamba, die Stadt, in der ich meinen ersten Monat hier verbracht habe. Das, woran ich mich jetzt erinnere, wenn ich an die Stadt denke sind  die mit zerbrochenen Flaschen gespickten Mauern, die jedes Haus umgeben, der Souveniermarkt, die Autofahrten mit meinem Gastbruder, der Benzinpreis, der ungefaehr 30Cent pro Liter betraegt, das riesige Cinecenter, das in so einem krassen Gegensatz zu der Armut steht, die ich die ersten Tage meiner Reise in la Paz kennenlernte.
Ich verliess Cochabamba nach einer Reise in den Nationalpark Torotoro weiter im Sueden. Erst waehrend ich nach Torotoro fuhr, merkte ich, wie gigantisch das Land ist. Man kann stundenlang in eine beliebige Richtung fahren, findet nur winzige Doerfer, ein paar Kuehe, die mit einem simplen Strick am Strassenrand festgebunden sind, riesige, in der Trockenzeit ausgetrocknete Flussbetten im staubigen Land. Und etwa alle anderthalb Stunden Autofahrt auf unbefestigten Strassen aendert sich die Landschaft; wird immer bergiger und bunter.
Mit dem Bus faehrt man einen Tag von Cochabamba nach Santa Cruz, das recht zentral im Land gelegen ist. Die Landschaft wird trockener, steppenartiger, an den Wegraendern wachsen Orangenbaeume. Santa Cruz ist aussen wie ein gigantisches Dorf. Ein Dorf mit Palmdaechern, Feuerstellen, Plastikstuehlen. Je weiter man in die Stadt hineinfaehrt, desto mehr wandelt es sich von „Dorf“ in „Kleinstadt“ . Eine Mischung aus Suderburg und einem offenen, armen, verdreckten Doerflein, wie man es sich in mexicanischen Cowboyfilmen vorstellen koennte. Zumindest nach meiner Vorstellung von mexicanischen Cowboyfilmen. Auf den Zebrastreifen praesentieren Jongleure ihr Koennen, waehrend des Wartens an den Ampeln bieten Frauen Suessigkeiten an, auf der Plaza erhoffen Schuhputzer ein wenig Arbeit. Es gibt auch hier grosse, europaeisch anmutende Gebaeude, aber weil es voller Dreck und Sand ist und in den aeusseren Ringen der Stadt Kuehe und Pferde an der Strasse angebunden sind, wird Santa Cruz das „Dorf-Sein“ nicht los. Ich verbrachte dort meinen zweiten Monat, in dem ich versuchte mein Visum zu bekommen, wurde von den bolivianischen Behoerden zwischen etlichen Institutionen hin und her geschickt.
Und im Norden des Landes lebe ich. Von Santa Cruz aus faehrt man zwei Tage mit dem Auto, fuenf Stunden im Flugzeug. Setzte mich dort ins Flugzeug und flog ueber die Steppe hinweg in den „Jungle of  Beni“. Und als ich ankam schien ich mich in einer anderen Welt innerhalb der anderen Welt zu befinden, weil Riberalta, MEINE Stadt, so anders ist als La Paz und Cochabamba und auch Santa Cruz.  Der Flugplatz scheint die einzige geteerte Strasse in der ganzen Stadt zu sein. Riberalta liegt auf 144m Hoehe, hat 90000 Einwohner. Die Hitze ist unglaublich, die Jahresdmitteltemperatur (Tag UND Nacht) liegt bei 26,2 Grad Celsius. Der Himmel ist strahlend hellblau, die etlichen Palmen leuchtend gruen und alles andere terrakottarot. Der rote Staub der Strassen setzt sich auf die Haut, die Tapeten, die Moebel, das weisse Schuluniformshemd. Alles bewegt sich auch Motorraedern, 25% der Anwohner besitzen ein solches oder einen Roller. Die Moskitos sind meine besten Freunde und ich ihr Lieblingsgericht. Auf der anderen Seite des „Rio Beni“ gibt es nur Regenwald und nur selten glimmt dort im Dunkeln ein Licht eines der Boote auf. Im Wasser soll es Anakondas und Piranhas, in anderen Gebierten auch Krokodile und pinke Flussdelfine geben. In der Regenzeit die jetzt anfaengt soll es vorkommen, dass man im Haus Skorpione findet. Bisher sind mir in meinem Zimmer nur zwei 2x3 cm grosse Chulupis/Kakerlaken begegnet, die aus der Kueche in mein Zimmer ziehen wollten und eine Eidechse. Und viele Spinnen und tausend aetzende Moskitos.
Normalerweise gehe ich von 8 bis 6 Uhr in die Schule, esse zuhause mit meiner riesigen Familie (drei dreissigjaehrige Schwestern mit Ehemaennern und Kindern, meine Gasteltern). Schuluniform ist mir tatsaechlich sympathisch obwohl sie grottenhaesslich ist (schlammgrauer Rock mit weissem Shirt), weil ich mir keine Gedanken ueber Kleidung machen muss. Der Modegeschmack hier ist graesslich, beschraenkt sich weitestgehend auf „rosa und glitzernd“. Jeden Morgen in der Schule wird 15 Minuten aus der Bibel gelesen. Wer keine Bibel mitbringt, sich schminkt, seine Fingernaegel anmalt, seine Schuluniform nicht anzieht, aus der Reihe tanzt, bekommt Punktabzug. Meine Schule ist eine evangelische Privatschule, die beste Schule der Stadt. Das bedeutet, dass sie, soweit ich das denn beurteilen kann, nur ein, zwei Jahre hinterherhinken. Meine Mitschueler sind wundervoll und den deutschen Jugendlichen sehr aehnlich. Nach dem Abendessen holen sie mich ab und bis um elf Uhr verbringen wir die Zeit damit, mit dem Motorrad um die Plaza zu fahren. Im grossen und ganzen ist das mein Tag. Am Wochenende wird in der Disco getanzt, zum Fluss oder zu einem See gefahren um zu schwimmen.
Es gibt keine Waschmaschinen, dafuer eine Waschfrau, die einmal pro Woche kommt, ansonsten waescht das Dienstmaedchen oder die Dienstfrau meine Schuluniform. Unterwaesche waschen ist doof. Die Rolle von Maschinen (Geschirrspueler, Waschmaschine) uebernimmt hier also die aermere Schicht. Das Dienstmaedchen, dass hier seit letzter Woche beiweilen arbeitet ist 13 Jahre alt. Immerhin geht sie in der Schulzeit zur Schule.
Ich denke, dass Einpraegsamste was ich hier erlebt habe, waren zwei Wochen die ich in einem Kinderheim mitgeholfen habe. Hier wo ich lebe ist die Armut nicht so offensichtlich wie in la Paz. Dort schlafen die Strassenjungen in den offenen Schubladen der Friedhoefe in denen normalerweise die Toten liegen, weil es dort ein bisschen waermer ist (die Friedhoefe hier sind wie Schraenke in denen die Verstorbenen verstaut werden) und die kleinen Kinder der Strasse sind bereits „Kleberabhaengig“, weil ihre Muetter diese billigste Droge schnueffeln waehrend sie die Babys stillen.
(Coca ist die Pflanze aus der Kokain gewonnen wird. Innerhalb Boliviens ist es legal zu erwerben, wird vor allem im Hochland auf den Maerkten als Teezutat angeboten. Werden die getrockneten Blaetter gekaut, helfen sie gegen Erschoepfung und die Hoehenkrankheit. Es wird vor allem von den „Indigenas“ in bei schwerer Arbeit in den Minen oder auf den Aeckern konsumiert.)
Europa ist sooooo langweilig. Und so schoen sauber.
Quellen: der Alltag, die Augen.                              25.11.2010

trytoimagine am 7.1.11 00:55

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